📸 Photogrammetrie: Schritt-für-Schritt-Tutorial
Vom ersten Foto bis zum sauberen 3D-Modell — praxisnah, mit konkreten Einstellungen.
Dieses Tutorial begleitet dich durch einen kompletten Photogrammetrie-Durchlauf an einem kleinen bis mittelgroßen Objekt. Du brauchst dafür weder teure Ausrüstung noch Vorwissen — eine halbwegs aktuelle Kamera (oder ein gutes Smartphone) und einen PC genügen. Alle Software-Angaben sind auf Stand 2026.
Voraussetzungen & Ausrüstung
- Kamera: System-/DSLR-Kamera mit manuellem Modus ist ideal. Ein modernes Smartphone funktioniert für den Anfang ebenfalls (Pro-/RAW-Modus nutzen).
- Stativ: empfohlen, wenn das Objekt fix bleibt und du drum herum gehst; beim Turntable eher unnötig.
- Licht: zwei diffuse Lichtquellen (Softbox/Lampe mit Diffusor) oder ein bewölkter Tag draußen.
- Untergrund: Drehteller (Turntable) für kleine Objekte, plus ein neutraler, blickdichter Hintergrund.
- PC: für die Verarbeitung. Eine NVIDIA-GPU beschleunigt viele Tools deutlich (bei Meshroom für die dichte Rekonstruktion praktisch Pflicht).
Schritt 1: Objekt & Setup vorbereiten
Aufbau
- Objekt auf den Drehteller stellen, drumherum genug Platz.
- Beide Lichter so positionieren, dass keine harten Schatten und keine Glanzlichter entstehen. Ziel ist eine gleichmäßige, „flache" Ausleuchtung.
- Hintergrund neutral und blickdicht halten. Ein leicht texturierter Hintergrund kann bei Walk-around helfen, beim Turntable stört er — dazu gleich mehr.
- Optional: eine Farbkarte und einen Maßstab mit ins Bild legen, wenn dir korrekte Farben/Maße wichtig sind.
Schritt 2: Kamera einstellen
Manueller Modus — feste Werte für alle Fotos
| Einstellung | Startwert | Hinweis |
|---|---|---|
| Modus | M (manuell) | Alle Werte über die ganze Serie konstant halten. |
| Blende | f/8 – f/11 | Volle Schärfentiefe. Nicht weiter schließen (Beugung). |
| ISO | 100 – 200 | Minimales Rauschen. |
| Belichtungszeit | so dass korrekt belichtet (Stativ: beliebig; freihand ≤ 1/800 s) | Freihand kurz genug gegen Verwacklung. |
| Fokus | manuell, auf Objektmitte, dann fixieren | Autofokus aus — er darf zwischen Bildern nicht wandern. |
| Weißabgleich | manuell (Kelvin fest) | Konstante Farbe. |
| Format | RAW | Mehr Reserven; nur einheitlich entwickeln, nicht kreativ bearbeiten. |
Schritt 3: Fotografieren
Systematisch rundherum
- Überlappung 70–80 %: zwischen zwei benachbarten Fotos muss sich der Bildinhalt stark überschneiden.
- Winkelabstand 10–15°: das ergibt 24–36 Fotos pro voller Umdrehung. Für komplexe Objekte ruhig 60+.
- Mehrere Höhenringe: eine Runde leicht von oben, eine auf Augenhöhe, eine leicht von unten.
- Unterseite: Objekt am Ende umdrehen und die zuvor verdeckte Seite separat fotografieren (später als zweiter Scan mergen).
- Nicht zu nah, nicht zu weit: Objekt füllt das Bild gut aus, bleibt aber komplett scharf und im Rahmen.
Schritt 4: Software wählen
Für die Verarbeitung gibt es 2026 im Wesentlichen drei sinnvolle Wege — je nach Betriebssystem, Budget und Anspruch.
| Software | Kosten | OS | Für wen |
|---|---|---|---|
| RealityScan 2.1 (früher RealityCapture) |
kostenlos* | Windows | Schnellster Weg zu Top-Qualität. *Frei für Hobby/Studios unter 1 Mio. $ Jahresumsatz (Epic Games). |
| Agisoft Metashape 2.2 | ~179 € Standard | Win/Mac/Linux | Plattformübergreifend, sehr guter Allrounder, exportiert seit 2.2 auch Gaussian Splats. |
| Meshroom 2025.1 | kostenlos | Win/Linux | Open Source, Node-basiert, volle Transparenz. Braucht praktisch eine NVIDIA-GPU. |
Die folgenden Schritte beschreibe ich generisch — die Buttons heißen in jedem Tool minimal anders, der Ablauf ist aber überall gleich. Detaillierte Preise/Stärken im Software-Vergleich.
Schritt 5: Verarbeiten (Align → Mesh → Textur)
Bilder importieren
Alle Fotos in ein neues Projekt laden. RAWs vorher einheitlich nach TIFF/JPEG entwickeln (gleiche Werte für alle) oder – wo unterstützt – direkt importieren.
Alignment / Kamera-Ausrichtung (Structure-from-Motion)
Die Software sucht gemeinsame Merkmale und berechnet, von wo jedes Bild aufgenommen wurde. Ergebnis: eine spärliche Punktwolke und ein „Kamera-Schwarm". Hier zeigt sich, ob die Aufnahme taugt: Werden alle Kameras ausgerichtet? Sitzen sie logisch im Kreis?
Masken setzen (bei Turntable)
Damit nur das Objekt zählt, den Hintergrund maskieren. Moderne Tools (RealityScan 2.x) bieten dafür KI-gestützte Maskengenerierung; sonst per Farb-/Helligkeitsschwelle.
Dichte Rekonstruktion / Tiefenkarten
Aus den ausgerichteten Bildern wird eine dichte Punktwolke berechnet. Rechenintensiv — hier hilft die GPU am meisten.
Meshing
Aus der Punktwolke entsteht eine geschlossene Oberfläche (Mesh). Zunächst hochauflösend; reduziert wird später beim Cleanup.
Texturierung
Die Originalfotos werden auf das Mesh projiziert. Textur-Auflösung z. B. 4096 oder 8192 px wählen, je nach Objektgröße.
Schritt 6: Cleanup in Blender
Der Rohscan ist selten direkt brauchbar. Blender (kostenlos) ist das Standard-Werkzeug für die Nachbearbeitung.
Importieren & Überschuss entfernen
Mesh als .obj/.fbx importieren. Boden, Turntable-Reste und lose Fragmente auswählen und löschen.
Löcher schließen
Im Edit-Modus die offenen Ränder markieren und mit Fill Holes bzw. F (Face) schließen. Kleine Störgeometrie mit Mesh > Clean Up entfernen.
Dezimieren (für leichte Assets)
Decimate-Modifier hinzufügen, Ratio schrittweise senken, bis die Polygonzahl handlich ist, ohne dass sichtbare Details verloren gehen.
Optional: Retopology & Baking (Profi)
Für Games/Animation eine saubere Low-Poly-Topologie erzeugen (z. B. QuadRemesher/Instant Meshes), dann Farbe und Normal Map vom High-Poly aufs Low-Poly backen. So bleiben feine Details bei geringer Polygonzahl erhalten.
Schritt 7: Export
| Ziel | Format |
|---|---|
| Universeller Austausch | .obj (Mesh + Textur) |
| Game-Engine (Unity/Unreal) | .fbx |
| Web / AR | .glb / .gltf (kompakt, PBR) |
| Film-/VFX-Pipeline, Apple-AR | .usd / .usdz |
| Punktwolke, Vermessung | .ply |
Beim Export von Texturen darauf achten, dass die Bilddateien mitgeschrieben/eingebettet werden (bei .glb automatisch, bei .obj als separate .mtl + Bilddateien).
Kurz-Checkliste
- Mattes, unbewegliches, strukturiertes Objekt gewählt
- Diffuses, konstantes Licht — keine harten Schatten/Glanzlichter
- Manueller Modus: f/8–f/11, ISO 100–200, fixierter Fokus & Weißabgleich, RAW
- 70–80 % Überlappung, alle 10–15° ein Foto, mehrere Höhenringe
- Unterseite als zweiten Durchgang aufgenommen
- Alignment kontrolliert (alle Kameras ausgerichtet?), Hintergrund maskiert
- Mesh gesäubert, Löcher gefüllt, dezimiert
- Im passenden Format exportiert (Texturen mit eingebettet)