📸 Photogrammetrie: Schritt-für-Schritt-Tutorial

Vom ersten Foto bis zum sauberen 3D-Modell — praxisnah, mit konkreten Einstellungen.

Dieses Tutorial begleitet dich durch einen kompletten Photogrammetrie-Durchlauf an einem kleinen bis mittelgroßen Objekt. Du brauchst dafür weder teure Ausrüstung noch Vorwissen — eine halbwegs aktuelle Kamera (oder ein gutes Smartphone) und einen PC genügen. Alle Software-Angaben sind auf Stand 2026.

Ablauf
  1. Voraussetzungen & Ausrüstung
  2. Schritt 1: Objekt & Setup vorbereiten
  3. Schritt 2: Kamera einstellen
  4. Schritt 3: Fotografieren
  5. Schritt 4: Software wählen
  6. Schritt 5: Verarbeiten (Align → Mesh → Textur)
  7. Schritt 6: Cleanup in Blender
  8. Schritt 7: Export
  9. Kurz-Checkliste

Voraussetzungen & Ausrüstung

💡 Objektwahl fürs erste Mal: matt, strukturiert, unbeweglich, handlich. Gut: Stein, Statuette, Backstein, Baumrinde, alte Schuhe. Schlecht: Glas, Chrom, einfarbige/glänzende Flächen, Fell, Wasser.

Schritt 1: Objekt & Setup vorbereiten

Aufbau

⚠️ Turntable-Falle: Wenn sich das Objekt dreht und der Hintergrund still steht, „sieht" die Software zwei widersprüchliche Bewegungen. Entweder du drehst mit einem komplett neutralen, gleichförmigen Hintergrund (den die Software ignoriert) oder du maskierst den Hintergrund später in der Software aus. Ein gemusterter, stehender Hintergrund beim Turntable ruiniert das Alignment.

Schritt 2: Kamera einstellen

Manueller Modus — feste Werte für alle Fotos

EinstellungStartwertHinweis
ModusM (manuell)Alle Werte über die ganze Serie konstant halten.
Blendef/8 – f/11Volle Schärfentiefe. Nicht weiter schließen (Beugung).
ISO100 – 200Minimales Rauschen.
Belichtungszeitso dass korrekt belichtet (Stativ: beliebig; freihand ≤ 1/800 s)Freihand kurz genug gegen Verwacklung.
Fokusmanuell, auf Objektmitte, dann fixierenAutofokus aus — er darf zwischen Bildern nicht wandern.
Weißabgleichmanuell (Kelvin fest)Konstante Farbe.
FormatRAWMehr Reserven; nur einheitlich entwickeln, nicht kreativ bearbeiten.
💡 Smartphone: Pro-/Experten-Modus öffnen, ISO auf Minimum, Fokus auf „manuell/fixiert" stellen, wenn möglich RAW (DNG) aktivieren. HDR und „Foto-Verschönerung"/KI-Schärfung ausschalten — die verändern jedes Bild unterschiedlich.

Schritt 3: Fotografieren

Systematisch rundherum

✗ Typische Fehler: zu wenige Fotos · zu große Winkelsprünge · Autofokus an gelassen · Licht/Objekt zwischendurch verschoben · nur eine Höhe fotografiert (→ Objekt oben oder unten löchrig).

Schritt 4: Software wählen

Für die Verarbeitung gibt es 2026 im Wesentlichen drei sinnvolle Wege — je nach Betriebssystem, Budget und Anspruch.

SoftwareKostenOSFür wen
RealityScan 2.1
(früher RealityCapture)
kostenlos* Windows Schnellster Weg zu Top-Qualität. *Frei für Hobby/Studios unter 1 Mio. $ Jahresumsatz (Epic Games).
Agisoft Metashape 2.2 ~179 € Standard Win/Mac/Linux Plattformübergreifend, sehr guter Allrounder, exportiert seit 2.2 auch Gaussian Splats.
Meshroom 2025.1 kostenlos Win/Linux Open Source, Node-basiert, volle Transparenz. Braucht praktisch eine NVIDIA-GPU.

Die folgenden Schritte beschreibe ich generisch — die Buttons heißen in jedem Tool minimal anders, der Ablauf ist aber überall gleich. Detaillierte Preise/Stärken im Software-Vergleich.

Schritt 5: Verarbeiten (Align → Mesh → Textur)

Bilder importieren

Alle Fotos in ein neues Projekt laden. RAWs vorher einheitlich nach TIFF/JPEG entwickeln (gleiche Werte für alle) oder – wo unterstützt – direkt importieren.

Alignment / Kamera-Ausrichtung (Structure-from-Motion)

Die Software sucht gemeinsame Merkmale und berechnet, von wo jedes Bild aufgenommen wurde. Ergebnis: eine spärliche Punktwolke und ein „Kamera-Schwarm". Hier zeigt sich, ob die Aufnahme taugt: Werden alle Kameras ausgerichtet? Sitzen sie logisch im Kreis?

⚠️ Wenn Kameras fehlen oder „daneben" liegen: meist zu wenig Überlappung oder texturlose Flächen. Gegenmittel: fehlende Winkel nachschießen, Masken setzen (Objekt vs. Hintergrund), oder in Metashape/RealityScan die Sensitivität/„High"-Preset erhöhen.

Masken setzen (bei Turntable)

Damit nur das Objekt zählt, den Hintergrund maskieren. Moderne Tools (RealityScan 2.x) bieten dafür KI-gestützte Maskengenerierung; sonst per Farb-/Helligkeitsschwelle.

Dichte Rekonstruktion / Tiefenkarten

Aus den ausgerichteten Bildern wird eine dichte Punktwolke berechnet. Rechenintensiv — hier hilft die GPU am meisten.

Meshing

Aus der Punktwolke entsteht eine geschlossene Oberfläche (Mesh). Zunächst hochauflösend; reduziert wird später beim Cleanup.

Texturierung

Die Originalfotos werden auf das Mesh projiziert. Textur-Auflösung z. B. 4096 oder 8192 px wählen, je nach Objektgröße.

💡 Zwei Scans mergen: Ober- und Unterseite separat aufgenommen? In Metashape/RealityScan beide „Components" über gemeinsame Punkte ausrichten und zu einem Modell verbinden, bevor du meshst.

Schritt 6: Cleanup in Blender

Der Rohscan ist selten direkt brauchbar. Blender (kostenlos) ist das Standard-Werkzeug für die Nachbearbeitung.

Importieren & Überschuss entfernen

Mesh als .obj/.fbx importieren. Boden, Turntable-Reste und lose Fragmente auswählen und löschen.

Löcher schließen

Im Edit-Modus die offenen Ränder markieren und mit Fill Holes bzw. F (Face) schließen. Kleine Störgeometrie mit Mesh > Clean Up entfernen.

Dezimieren (für leichte Assets)

Decimate-Modifier hinzufügen, Ratio schrittweise senken, bis die Polygonzahl handlich ist, ohne dass sichtbare Details verloren gehen.

Optional: Retopology & Baking (Profi)

Für Games/Animation eine saubere Low-Poly-Topologie erzeugen (z. B. QuadRemesher/Instant Meshes), dann Farbe und Normal Map vom High-Poly aufs Low-Poly backen. So bleiben feine Details bei geringer Polygonzahl erhalten.

Schritt 7: Export

ZielFormat
Universeller Austausch.obj (Mesh + Textur)
Game-Engine (Unity/Unreal).fbx
Web / AR.glb / .gltf (kompakt, PBR)
Film-/VFX-Pipeline, Apple-AR.usd / .usdz
Punktwolke, Vermessung.ply

Beim Export von Texturen darauf achten, dass die Bilddateien mitgeschrieben/eingebettet werden (bei .glb automatisch, bei .obj als separate .mtl + Bilddateien).

Kurz-Checkliste

💡 Nächster Schritt: Willst du dein Objekt in Echtzeit und fotorealistisch statt als Mesh? Dann lohnt ein Blick auf Gaussian Splatting — dieselbe Aufnahmetechnik, anderes Ergebnis.